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Die sozialistische Expedition nach Texas

Karl Bürkli, in: Eidgenössische Zeitung, Nr. 245–246, 4.–5. September 1858. (Teil I = Nr. 245, 4. Sept., S. 981–982; Teil II / Schluß = Nr. 246, 5. Sept., S. 985–986.)

Vollständigkeit: Dies ist der gesamte zweiteilige Artikel — Teil I von „Veranlaßt durch einen Artikel der ‚Patrie'…" bis „(Fortsetzung folgt.)", Teil II von „Doch das Maß der Widerwärtigkeiten…" bis zur Unterschrift „Karl Bürkli". Beide Enden wurden gegen die Seitenscans geprüft. Sämtliche elf Bilddateien in ../images/ (zwei Ganzseiten, zwei Viewer-Screenshots, sieben Spaltenausschnitte = die beiden PDFs) zeigen dieselben zwei Zeitungsnummern; kein weiterer Texas-Text Bürklis liegt im Repo vor.

Transkription aus den Fraktur-Scans in ../images/ (burkli_i_c1–c3, burkli_ii_c1–c4). Die Orthographie von 1858 ist beibehalten (Thatsache, Mittheilung, Theil, Phalanstär, Considerant ohne Akzent, ß/ss wie gedruckt). Revisionsmarken: [REV: …] kennzeichnet Stellen, die grammatisch oder inhaltlich zweifelhaft sind bzw. deren Lesung unsicher bleibt; die Klammer nennt die wahrscheinlich gemeinte Form (oder „sic" = so im Druck). Mehrere Erstlesungen wurden bei erneuter Prüfung gegen die Scans korrigiert (u. a. Grabstätte statt „Großstätte", unterspickt statt „ungezählt", „denn ich betrachtete" statt „um es betrachtete"). Im Zweifel weiter gegen ../images/ prüfen.


I. (Nr. 245, 4. September 1858)

Die sozialistische Expedition nach Texas.

[Redaktionelle Einleitung:]

Veranlaßt durch einen Artikel der „Patrie" haben wir in Nr. 228 die Andeutung fallen lassen, der Chef der hiesigen Sozialisten würde sich durch eine wahrheitsgetreue Erzählung der Expedition nach Texas ein öffentliches Verdienst erwerben. In Folge dieser Mahnung sendet uns nun wirklich Herr Karl Bürkli eine längere Mittheilung, die wir in einer Reihe von Artikeln folgen lassen, da uns seine Voraussetzung, daß dieselbe nicht bloß höchst interessant, sondern mannigfach belehrend und warnend sein werde, vollkommen bestätigt. Wir halten diese Erzählung für völlig aufrichtig, ehrlich und wahr. Dieselbe gestattet nicht bloß einen Einblick in sozialistische Auswanderungsprojekte, sondern enthält Winke und Lehren für die Auswanderung überhaupt. Wenn schon der Berichterstatter mit einem energischen Vertrauen, das uns Achtung und Theilnahme einflößt, seinem Ideale treu bleibt, so fürchten wir nicht im geringsten, durch Veröffentlichung seiner Mittheilung uns der Propaganda für sozialistische Pläne schuldig zu machen. Denn die nachfolgende Erzählung mit ihren unerbittlichen Thatsachen wird, dessen sind wir sicher, Niemanden für die Phalanstär [REV: ?„das Phalanstär"; Genus vgl. Z. „habe das Phalanstär"] verlocken, vor der Auswanderung überhaupt eher abschrecken und mit Flammenschrift den alten Satz illustriren: Bleibe im Lande und nähre dich redlich.

[Bürklis Bericht:]

„In einem der „Patrie" entnommenen Artikel heißt es: „Eine kurze Erfahrung von einigen Jahren habe genügt, um die Unmöglichkeit der unbeschränkten Assoziation zu zeigen, denn unter den günstigsten äußern Verhältnissen habe das Phalanstär nur Haß, Elend und Verzweiflung erzeugt, und dabei seien Fr. 1,800,000 verschwendet worden." Dies ist nun offenbar übertrieben, oder besser gesagt, scheint nur der „Patrie" absichtlich entstellt worden zu sein. Vorerst ist das angelegte Kapital nicht verloren, wie man im Nachstehenden sehen wird, und aus dem durch die ungünstigsten äußern Verhältnisse verursachten Scheitern des Kolonisations-Unternehmens lassen sich keine Schlüsse über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Assoziation ziehen, denn man gelangte gar nicht zur Errichtung eines Phalanstärs.

Der Plan des Unternehmens war folgender: Es bildet sich eine Aktiengesellschaft mit hinlänglichem Kapital, um in Amerika einen Länderkomplex von der Größe eines französischen Departements in gesunder und fruchtbarer Gegend anzukaufen. Die Aktiengesellschaft kolonisirt nicht auf eigene Rechnung, d. h. sie bebaut den Boden nicht selbst, sondern funktionirt als eine Art Agentur, welche Land, Geräthschaften, Lebensmittel etc. feilbietet; die Einwanderung möglichst erleichtert und daher die nöthigen Gebäulichkeiten, ein Absteigequartier, herstellt, wo die Einwanderer einstweilen billig leben, einige auch Arbeit finden können, bis dieselben über den Platz, den Pachtvertrag und den Preis des Landes, auf dem sie sich niederlassen wollen, mit der Agentur einig sind. Wer für sich allein sich etabliren will, ist frei, also zu thun; wer mit Freunden, Geschäfts- und Gesinnungsgenossen sich assoziationsweise etabliren will, mag ebenfalls zu thun [REV: ?„mag es ebenfalls thun"], auf seine eigene Rechnung und Gefahr. Die Aktiengesellschaft kann nur durch Geldanleihen Einzelnen wie größern oder kleinern Assoziationen unter die Arme greifen, sofern genügende Sicherheit vorhanden ist. Da das Aktienkapital zum größten Theile von Sozialisten zusammengeschossen und die leitende Idee die war, den sozialistischen Ideen ein möglichst günstiges Terrain zu bereiten, wo die praktischen Experimente in allen möglichen Nuancen nach und nach naturgemäß sich entfalten könnten, so durfte man annehmen, daß meistens nur Solche sich zur Auswanderung dahin entschließen würden, die irgend eine sozialistische Richtung zu verwirklichen anstrebten. Aber von Errichtung eines Phalanstärs auf Kosten der Aktiengesellschaft war nie die Rede, denn wir wußten recht gut, daß man mit Leuten, in der jetzigen individualistischen Gesellschaftsform erzogen, selbst mit den besten Sozialisten nicht fertige Phalanstäre machen kann, ebenso wenig als man mit Russen eine reine Demokratie fertig bringen würde. Allein das ist kein Grund, ein Ideal nicht anzustreben, weil es erst im Laufe der Zeiten und durch partielle Versuche verwirklicht werden kann, sondern es scheint mir das vielmehr der naturgemäße Gang zu sein.

So war laut Statuten der Kolonisationsplan. Die erste Bedingung des Gelingens lag mithin in der günstigen Auswahl des Landes und im billigen Ankauf des Länderstriches, auf dem man sich niederlassen sollte. Considerant glaubte denselben in Texas gefunden zu haben; er beschrieb das Land dermaßen vortheilhaft, daß nichts zu wünschen übrig blieb. Da Considerant den Sozialisten seit 30 Jahren als ein edler Mann bekannt war, der nur das Gute anstrebt und wissentlich Niemanden betrügt — und in meinen Augen ist er es jetzt noch wie zuvor —, da man ihm, als ehemaligem Geniehauptmann der französischen Armee, zutraute, so viel praktische Tüchtigkeit zu besitzen, um sich in der Auswahl des Landes wie in den äußern Bedingungen, die zum Gelingen irgend welcher Kolonisation, ob einzeln oder vereint, vor Allem unumgänglich nothwendig sind, nicht zu irren, so glaubte man ihm, und zwar mit um so mehr Recht, als er selbst mit seinem Vermögen, seinem Ruf, seinem Leben einstand und also am meisten selbst zu verlieren hatte und von Allen auch wirklich am meisten verlor. Daß sich aber Considerant vollständig täuschen ließ, wie so manche Experten, die von Europa aus in der Eile einen Ausflug in Amerika herum machen, wie konnten wir, die auf ihn bauten, das anders als uns enttäuscht fühlen [REV: ?„uns anders als enttäuscht fühlen"], als wir das von ihm beschriebene Land ganz anders ansahen und die Landbasis, auf der man operiren sollte, gar nicht fanden.

Considerant reiste in Hochtexas herum im Mai und Juni 1852. Es war ein fruchtbares Jahr; Prairien und Wälder in üppigster Pracht. Der Nichtkenner, frisch von Europa her, glaubt sich im Paradies; er sieht den verborgenen Feind nicht, den man erst kennen lernt, wenn man Jahre lang da gelebt und mit den allgemeinen klimatischen und topographischen Verhältnissen Nordamerika's vertraut ist. Er zog Erkundigungen ein, wo er immer nur konnte. Alle, vom Gouverneur bis zum letzten Farmer, lobten Land und Klima als das beste der Union; denn alle hatten Interesse, die Einwanderung und dadurch die Steigerung der Bodenwerthe zu fördern. So versprachen ihm denn auch Senatoren und Repräsentanten von Texas, es werde, falls er mit der Kolonisation einmal Ernst mache und wirklich Leute bringe, auch jenseits an einer großartigen Landkonzession gar nicht fehlen; Texas sei ja überreich an Land — es sei größer als Frankreich —, aber arm an Bevölkerung — kaum eine halbe Million — und nur diese könne den Millionen von Acres einigen Werth verleihen.

Considerant kam voll Hoffnung nach Europa zurück, beschrieb Hochtexas, wie er es selbst glaubte, als so gesund und fruchtbar wie die mexikanisch-texanischen Hochländer, neben allen europäischen Erzeugnissen auch noch die Südfrüchte der mittleren Tropen erzeugend. Die deutschen Beschreibungen über Texas von B. Bracht [REV: ?„V. Bracht" — Viktor Bracht] und v. Roß, die ich sorgfältig durchlas, stimmten in allen Punkten mit der Beschreibung Considerants überein und konnten den Rühmens [REV: ?„des Rühmens"] über Texas — nach ihnen des „Paradieses von Nordamerika", des „Italiens der Vereinigten Staaten" — nicht satt werden. Was Wunder nun, wenn Considerant und wir ihm nach diesem „gelobten Lande" lüstern wurden und die Auswanderung dahin überstürzt wurde?

Gegen Ende 1854 war die Kolonisationsgesellschaft konstituirt; man schickte sich zur Auswanderung an. Cantagrel, ein Vertrauter Considerants, eilte voraus, um einen geeigneten Platz auszuwählen und im Falle keiner Landkonzession die nöthigen Landankäufe zu machen. Der erste Brief Cantagrels war eine wahre Hiobspost. „Hier stehe ich", so schrieb er, „mitten in Hochtexas, und muß mich immer noch fragen, — wo ist denn eigentlich das von Considerant beschriebene Land? Er hat sich total getäuscht. Das Klima ist das gerade Gegentheil von dem, was er sich sagen ließ, im Herbst und Frühling so unbeständig, wie ich noch keines erlebt, und variirt von der größten Hitze zur größten Kälte mehr als 100 Grad Fahrenheit. Was soll da aus der Kultur von Obst, Wein, Gemüse oder gar von Südfrüchten werden, wenn Alles schon im Februar und März zu treiben und zu blühen anfängt und dann von periodischen eiskalten Nordwinden, die bis Ende April hin und da wehen, die zarten Triebe und Blüthen zerstört werden? Nur was zwischen den kalten Nordwinden, d. h. vom April bis Oktober, kann gepflanzt werden, wie Baumwolle, Mais etc., kann hier gedeihen. Selbst das Vieh leidet von den Nordwinden furchtbar und kann draußen kaum so viel Nahrung finden, um sich vor dem Hungertode zu retten. Allein wenn auch das Land noch wäre, wie es Considerant beschrieben, ist doch zur Zeit hier in Hochtexas keinerlei Kolonisation möglich, indem alles Land weit und breit, fast der ganze Norden von Texas, ein Länderstrich so groß als der dritte Theil von Frankreich, laut Beschluß der letzten Legislatur von Texas einer allfällig zu bildenden pazifischen Eisenbahngesellschaft reservirt worden ist. Man hofft durch diese kolossale Länderkonzession eine Gesellschaft zu rufen, die Trace nach Kalifornien durch Hochtexas ziehen werde. Wir können also hierorts gar keinen [REV: ?„kein"; Genus] Staatsland kaufen, selbst wenn wir es mit Gold belegen; es ist in Bann gethan, Niemand darf es antasten; unsere Kolonisation fällt daher einstweilen dahin." — Allein es war so spät, wir waren schon auf dem Meere und Cantagrel mußte in der Eile einige Farmen von Privatleuten zu hohen Preisen kaufen, die nöthigen Gebäulichkeiten herstellen, um die ankommenden Einwanderer nicht herumirren zu lassen. Wir Zürcher kamen zuletzt, wohlerhalten und frohen Muthes, im Juli 1855 in der todtgebornen Kolonie an; da lange nicht genug Land für 130 Personen (es waren nie 300, wie die „Patrie" sagt) vorhanden, so konnte auch von Einzeletablissements oder von freiwilligen Assoziationen gar keine Rede sein, sondern nur die durch die ungünstigsten äußern Verhältnisse „zusammenforcirte Agglomeration", aus welcher Jeder herauszukommen trachtete, sobald sich ihm etwas Besseres darbot. Wirklich verließen denn auch schon in folgenden Monat fast alle Schweizer und viele Franzosen, etwa 60, die Kolonie, so leid es uns that, mußten wir doch froh sein, sie scheiden zu sehen, da wir in unserer Ohnmacht — vom „gebannten" Staatsland eingepfercht wie ein Auswanderungsschiff vom Meere — ihnen nicht bieten konnten, was sie erwartet hatten, und wenn sie sich auch über den Leichtsinn der Chefs bitter beklagten, so konnten wir es ihnen nicht verargen, weil sie im Grunde denn doch Recht hatten. Die Zurückgebliebenen, worunter nur wenige tüchtige Kräfte, sahen wohl ein, daß dieses Provisorium nicht lange fortdauern könne, allein was anfangen? Es blieb nichts Anderes übrig als — im Statusquo fortvegetiren, in der Hoffnung, daß Considerant doch am Ende noch ein günstiges Terrain entweder in Texas oder in spanisch Amerika finden und dann seinen Plan von frischem aufnehmen werde."

(Fortsetzung folgt.)


II. (Schluß — Nr. 246, 5. September 1858)

Die sozialistische Expedition nach Texas.

(Schluß.)

„Doch das Maß der Widerwärtigkeiten war noch lange nicht voll. Zu selbstverschuldeten Fehlern, Uebersturzung [REV: ?„Ueberstürzung"] im Auswandern, gesellte sich noch ein schlechtes Jahr, das folgende 1856 war noch schlechter, das dritte 57 unter aller Kritik. Mißjahre, wie man sie in Texas noch nie erlebt, während viele Texaner mit ihren Sklaven wieder östlich nach dem weiten Flußgebiet des untern Mississippi auswanderten. Die Sommerzeit war so trocken, daß nichts gedeihen wollte. Gemüse, trotz aller Arbeit und Pflege, auch nicht eine Hand voll; was an schattigen Orten noch etwa verschont blieb, fraßen Heuschrecken, Erdflöhe und Ameisen. Ob man auf dem Felde arbeitete oder nicht, kam auf eins heraus; kaum konnte man die Aussaat zurückerhalten und hatte doch schwere Ausgaben für Urbarmachen und Bestellung der Felder. Es war eine Trockenheit, von der man in Europa keinen Begriff hat; das helle Wetter wurde zum Höllenwetter — in Westtexas fiel 1½ Jahre lang, achtzehn Monate, auch nicht ein Tropfen Regen; die Ernte buchstäblich unter Null, d. h. nicht einmal die Aussaat zurück. — Und dann der Winter; diesen schilderte Considerant als eine wahre Wohlthat für die Europäer, eine „invigorating season", wie die Texaner es zu nennen, welche die alte Energie der Eingewanderten wieder wachrufe; der Thermometer centigrade falle selten unter Null und die 2–3 Monate Winter seien wohl zur Hälfte unterspickt [REV: ?„unterspickt mit" — Präposition im Druck nicht sichtbar] schönen Frühlingstagen — der letzte Winter, den ich in Westtexas zubrachte, war wirklich so, der erste aber das Gegentheil. — In demselben stand wochenlang der Thermometer von 6 bis 15 Grad, ja sogar einmal auf 18 Grad C. unter Null, eine Kälte, wie sie nur in den härtesten Wintern in der Schweiz vorkommt. Wir wohnten in schlecht verschlagenen Bretterhäusern ohne Feuer und Licht, da die eisige Nordwind [REV: ?„der eisige Nordwind"; Genus] durch die engen Fugen unablässig und wirklich wie nach Noten pfiff. Winterdecken und Winterkleider hatten die Meisten in Europa zurückgelassen, um sich nicht etwa zu blamiren in einem Lande, das noch weit südlicher liegt als der südliche Theil von Italien, und wo man dem Winter sozusagen in Hemdärmeln zu passiren wähnte. An Wehklagen und Zähneklappern war da kein Mangel, sogar die unverwüstliche Plaisanterie-Manie der Franzosen und aller Humor war zu Eis geworden. Die Texaner, trotz ihrem lodernden Kaminfeuer, klagten wie wir und betheuerten, so eine horrible Kälte, überhaupt so ein schlechtes Ausnahmsjahr sei „noch nie dagewesen".

Die öffentliche Meinung von Texas war nicht, wie Considerant meinte, für, wohl aber gegen uns gestimmt. Die Sklavenhalter sahen uns Weiße auf dem Felde arbeiten, und witterten da bald, daß dergleichen Sozialisten wohl ungefähr so was sein könnten, was die Abolitionisten. Wir versicherten, uns in der Sklavenfrage ganz neutral zu verhalten, allein sie meinten ganz verwundert, neutral sei nicht genug, man müsse in Texas mit Leib und Seele für die Negersklaverei sein, und einige wohlgesinnte Texaner gaben uns den Rath, doch der Form wegen, einige Sklaven anzuschaffen; aber auch in Texas sei guter Rath theuer, antworteten wir, denn so ein Sklave koste ja 5- bis 6000 Franken nebst dem täglichen Unterhalt, so daß die Arbeit der Weißen weniger theuer zu stehen komme; im Stillen aber dachten wir: das fehlte uns Sozialisten jetzt noch, 6000 Meilen übers Meer hergekommen zu sein, um zu guter Letzt noch gar zu Sklavenhütern umgetauft zu werden.

Daß es unter solchen ungünstigen äußern Verhältnissen im Innern der Kolonie auch ungünstig aussehen mußte, wird jeder Mensch begreiflich finden, und es läßt sich vermuthen, daß in solcher Stimmung manch bitteres Wort, auch über mich, nach Hause geschrieben worden. Ob von diesen Klagen mehr unbegründet als begründet waren, sei dahin gestellt. Ich bilde mir nicht von ferne ein, in diesem Labyrinth von mühevollen Schicksalen immer den richtigen Weg getroffen zu haben, aber wenn ich einen einschlug, glaubte ich in gutem Treuen, es sei der beste, und ging voran. Ob und was hinter meinem Rücken gethan wurde, sah ich nicht und will es auch nicht sehen, noch weniger widerlegen.

Der Chef des Unternehmens, der den Andern hätte Muth einflößen können und sollen, war unglücklicher Weise von der Wucht so mannigfach angehäufter Mißgeschicke selbst zu [REV: ?„so"] niedergeschlagen, daß man ihm nicht zürnen, sondern ihn nur tief bemitleiden konnte. Enttäuscht in Allem, im Land, im Klima, in der öffentlichen Meinung, wegen des [REV: Substantiv ausgefallen?, z. B. „Banns"], das auf dem Staatsland lastete, nirgends einen immediaten Ausweg findend, gab er sich der Verzweiflung hin. Er ließ wohl seinen Grundgedanken merken, die provisorische Kolonie aufzuheben und keine weitern Fonds mehr daselbst in Terrain und Gebäulichkeiten zu engagiren, sondern alles Kapital möglichst aufzusparen für den künftigen Ankauf der großen Landbasis, die man anderswo, ob inner oder außerhalb Texas, absolut haben mußte. Von Aufhebung dieses Provisoriums wollten nun freilich die meisten der Uebriggebliebenen nichts wissen; ihnen ward bange vor dem texanischen Einzelleben, wenn auch nur für wenige Jahre. Vor Allem wiegte sich Dr. Savardan, der jetzt so arg gegen Considerant fulminirt, in der Hoffnung, es könne denn doch aus der „Agglomeration" noch eine recht artige Assoziation werden, wenn die Aktiengesellschaft das nöthige Kapital zu weiterer Ausdehnung hergeben wollte. Der ohnmächtige Considerant ließ gewähren; man kaufte noch einige Farmen an, da [REV: ?„hie"] ein Stück und dort ein Stück, und Landzertifikate, mit welchen man das dazwischen liegende Staatsland, das noch auch nicht ewig im Banne bleiben werde, beanspruchen könnte. Auf diese Weise wurde eine ansehnliche Summe auf Jahre hinaus immobilisirt, keineswegs aber für immer verschwendet, nur konnte Considerant zu seinem spätern großen Landankauf davon keinen Gebrauch mehr machen und für ihn war die Summe so gut als ad acta, „englouti" zu betrachten. Ein anderer Theil der Kolonisten, worunter auch ich, wollte von Texas durchaus nichts mehr wissen; wir hatten jetzt eine Erfahrung von 8–10 Monaten hinter uns, Sommer und Winter durchgelebt, und wußten, daß in diesem Zwitterklima die Nachtheile des Nordens wie die des Südens vereint zu treffen sind. Wir sahen es sogar sehr ungern, daß Considerant Miene machte, mit einer Privatgesellschaft, die schöne Ländereien in Westtexas, 400 Meilen von unserm Quartier, besaß und en bloc verkaufen wollte, in Unterhandlung treten zu wollen. Die spanisch-amerikanischen Hochlande erschienen uns als die einzige vernünftige Basis für unsern Kolonisationsplan. Wir suchten Considerant zu überzeugen, nach Mexiko zu gehen, Andere wollten nach Neu-Granada und Venezuela, ich anerbot mich, Zentralamerika zu exploriren und darüber zu berichten. Considerant war unschlüssig, wir aber entschlossen.

So verreiste ich denn Anfangs 1856 nach Nicaragua, wo gerade der Filibustergeneral Walker sich anschickte, das Land unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Walker, der seinerzeit zu Paris mit den sozialistischen Ideen vertraut geworden, empfing mich freundlich und gab mir manch guten Rath betreffend Land und Leute, so wie ein Geleitschreiben, um möglichst unangefochten bei seinen Buccanierbanden durchzukommen. Vom englischen Konsul, einem Gegner Walkers, erwirkte ich mir ebenfalls ein Empfehlungsschreiben an die Chefs der spanisch-indianischen Armee, so wie an die Regierungen mehrerer Staaten Zentralamerika's. Alles war damals Krieg und Zerrüttung in Zentralamerika. Wer je amerikanische Filibustierbanden, worunter eine gute Portion Abschaum von Kalifornien und New-York, gesehen; wer die damals von glühendem Fremdenhaß beseelte spanisch-indianische Bevölkerung kennt; wer weiß, was es heißt, auch in friedlichen Zeiten in Zentralamerika herumzureisen, wo Straßen und Brücken unbekannte Größen sind und wo die Spanier seit 300 Jahren nicht zivilisirt haben, daß man wohl prachtvolle Kirchen und feiste Pfaffen, aber im ganzen Lande nicht eine Mühle — nicht eine Sägemühle, geschweige denn Gasthäuser antrifft — der mag sich einen Begriff machen von der Annehmlichkeit, ein Jahr lang fast immer allein mitten unter Kriegs- oder vielmehr Banditenvolk herum zu exploriren. Da ging's denn manchmal schmal her, Kost und Lager waren der Sicherheit der Person und des Eigenthums entsprechend, und oft brachte ich es dahin, meine in Texas verlebte schwere Zeit als Eldorado zurückzuwünschen. Ich fand indessen mehr schönes, fruchtbares, gesundes und wohlfeiles Hochland in Zentralamerika als ich erwartet hatte, allein nirgends von der Ausdehnung, wie wir sie für unsern Plan gewünscht hätten. Da alle diese Hochlande bewohnt sind und Grund und Boden, wenn auch spottwohlfeil, doch meistens und oft stundenweit alten, von Spanien abstammenden Geschlechtern gehören, so dürfte es wohl schwer halten, aus lauter Privateigenthum heraus einen genügend großen Länderkomplex zusammenzukaufen. Immerhin schien mir Zentralamerika bei weitem geeigneter als Texas, und suchte daher die Direktion zu überzeugen, auf Zentralamerika oder doch Mexiko oder Santa Fé de Bogota ihr Hauptaugenmerk zu richten. Zwar müsse man in Zentralamerika vom Staatsland abstrahiren; dieses verschenken die Regierungen so viel man wolle, sei aber meistens Land, das die Spanier seit 300 Jahren nicht einmal der Mühe werth hielten, zu approp[r]iiren; es liege meistens an der östlichen Abdachung, voll dichter Waldungen, wo die Feuchtigkeit der Passatwinde unablässig kondensirt wird; dort sei Alles in vollster Ueppigkeit, weil viel Regen, aber auch ebenso ungesund; auf solchem Staatsland werde jede Kolonie bald zur friedlichen Grabstätte. Endlich nach einem Jahre erhielt ich Nachricht, daß Considerant sich von seiner Apathie wieder aufgerafft und im Westen von Texas ein großes und schönes Stück Land vortheilhaft angekauft habe. Da er dort einen Kolonisationsplan wieder von frischem in Angriff nehmen wolle, habe er der provisorischen Kolonie in Osttexas weitere Fonds verweigert, respektive dieselbe aufgehoben.

Ich ging nun zurück nach Westtexas, um das angekaufte Land anzusehen. Ich muß gestehen, daß ich im weiten Texas kein lieblicheres, fruchtbareres und gesünderes Land gesehen habe, als dieses 1–2 Stunden breite und 8 Stunden lange Thal, fast lauter bebaubarer Boden, wovon ein guter Theil bewässert werden kann. Allein obschon Viehzucht, Baumwolle, Mais, Weizen vortrefflich gedeihen können, so steht doch der schnelle Temperaturwechsel (frühe Blüthezeit und späte Nordwinde) aller feinern Kultur, allem Obst-, Garten- und Weinbau, geschweige den Südfrüchten, allzu hindernd entgegen, als daß man es daran denken könnte, in diesen Zweigen für eine Arbeit hinlänglich belohnt zu werden. Da das wälderarme und daher meistens trockene Westtexas besitzt [REV: Satzbau bricht — „Da" überzählig oder Verbstellung verlesen] überhaupt nach meiner Ueberzeugung diejenige Attraktionsfähigkeit nicht, die vor Allem nothwendig ist, um die Anhänger unserer sozialistischen Idee zur Auswanderung dahin zu bestimmen, mithin wird auch der soziale Zweck, den ich stets vor Augen hatte und noch habe, dort nicht zur Ausführung kommen, sondern die ganze Geschichte in einer gewöhnlichen Landspekulation enden. Da Considerant dieses Thal in einer Zeit allgemeiner Geldnoth, eine Folge der letzten ausnahmsweisen Mißjahre in Texas, äußerst billig ankaufen konnte, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß der zunehmende Mehrwerth des Bodens und der parzellenweise Verkauf an amerikanische und deutsche Ansiedler den Aktionären wohl noch recht artige Prozente abwerfen, jedenfalls den in den ersten Jahren stattgehabten Verlust decken werden, welcher sich laut letzter Rechnung auf Fr. 120,000 herausstellte. Ueber die Größe dieses Defizits mag man allenfalls in Europa die Hände über den Kopf zusammenschlagen, allein in Amerika ist dieß eine ganz gewöhnliche Thatsache unter Einwanderern. Wenn man drüben sagt, daß von fast 2 Millionen Franken im Anfang 120,000 Fr. für Reisekosten, Vorarbeiten, unabwendbares Unglück — wie Mißjahre, Krankheiten — und allerdings auch für selbstverschuldete Mißgriffe „verschwendet" worden seien, so meint der Amerikaner, man sei noch gut weggekommen, und frägt kaltblütig: „wo sind die Einwanderer, ob einzeln oder vereint, welche in den ersten Jahren in Amerika nicht 7 Prozent ihrer mitgebrachten Habe als Lehrgeld „verschwenden" müssen?"

Der finanzielle Stand der Kolonisationsgesellschaft ist daher keineswegs so betrübend als man allgemein befürchtet hätte. Ich theile diese Befürchtung selbst, und diese trieb mich auch wieder von Zentralamerika nach Westtexas hin, denn ich betrachtete es als meine Pflicht, gegenüber den zürcherischen Interessenten nur nach eigener Anschauung zu urtheilen, und ihnen über die finanzielle Sachlage, so wie über die allgemeine Beschaffenheit des Landes, ob zu unserm sozialen Zweck günstig oder nicht, klaren Wein einzuschenken. Ueber die Sicherheit und Rentabilität des Kapitals bin ich nun vollkommen beruhigt; (die verfallenen Zinse sind bereits schon statutengemäß bezahlt worden.) Was aber die Erreichung unsers sozialen Zweckes betrifft, so steht in mir die Ueberzeugung unwiderstehlich fest — hierin bin ich vielleicht durch die strahlende Schönheit der zentralamerikanischen Hochlande etwas geblendet — daß Westtexas sich hiezu nicht eignet. Da ich also mit gutem Gewissen das von Considerant angekaufte Land meinen auswanderungslustigen Gesinnungsgenossen nicht empfehlen konnte, und ich anderseits durchaus keinerlei Neigung fühlte, in einem bloßen Spekulationsgeschäfte thätig zu sein, entschloß ich mich zur Rückkehr ins Vaterland mit dem aufrichtigen Wunsche jedoch, daß Considerant, der dort seinen Plan von Frischem anfangen will, reüssiren möge, denn wenn ich auch von „meinen Illusionen" über Texas geheilt bin, so lebe ich nichts desto weniger immer noch der festen Ueberzeugung, daß die Zukunft der Assoziation angehört, der Fortschritt eine Schranke um die andere niederreißt, und die neuen Erfindungen sie jeden Tag möglicher machen, daß auf günstigem Terrain und genügenden Fonds mit guten von der Idee durchdrungenen Menschen, wie ich unter unsern Kolonisten so viele kennen lernte, agrikole und industrielle Assoziationen jetzt schon möglich und lange nicht so schwierig sind als sich die Leute gewöhnlich vorstellen; daß man aber mit den Ersten Besten an der Gasse, oder mit Leuten aus allen Ländern zusammenwürfelt, ob durchdrungen oder nicht von der sozialistischen Idee, wie es in Hochtexas der Fall war, eine Assoziation bilden könne, ist mir noch nie eingefallen, weil der Mensch in der Außenwelt dasjenige jedenfalls nicht zu erschaffen vermag, was in seinem Innern noch nicht zur Reife gelangt ist.

Karl Bürkli